Nachgedacht

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Jesus Christus spricht:
„... meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“.

 2.Kor.12, 9

Liebe Leserinnen und Leser,

wer von uns ist schon gerne schwach? Schwach sein, das ist etwas, was wir nicht wollen, was unangenehm ist. Auf Hilfe angewiesen sein, abhängig? Nein, das möchte wohl kaum jemand von uns. In der Leistungsgesellschaft, die uns jeden Tag fordert, zählt das Gegenteil. Wir müssen gut sein, wir müssen uns gegen andere durchsetzen, wir müssen stark sein, um es zu etwas zu bringen. Schön, reich, stark und unabhängig so sieht für viele Menschen ihr Idealbild aus, das sie anstreben. Dafür arbeiten sie rastlos, dem Ziel muss alles untergeordnet werden. Fehler können sie sich nicht leisten. Die Leistungsgesellschaft bestraft jeden gnadenlos, der Fehler macht.

Auf der anderen Seite gibt es Lebenszeiten oder Situationen, in denen jede und jeder von uns schwach ist. Wir werden nicht als Starke geboren. Als Neugeborenes ist jedes Wesen schwach, hilfsbedürftig und angewiesen auf die Zuwendung und Sorge anderer. Im Alter lassen die Kräfte unweigerlich nach. Wir werden schwächer bis dahin, dass wir pflegebedürftig werden. Und wir sind vergänglich. Am Ende werden wir alle - ohne Ausnahme - so schwach, dass das Leben vergeht.

Unendlich viele Situationen gibt es im menschlichen Leben, die uns schwach machen können: eine Krankheit, eine Behinderung, Einsamkeit, Armut, mangelnde Bildung und vieles mehr. Das ungeschriebene Gesetz unserer Gesellschaft ist: wir dürfen nicht schwach sein. In Wirklichkeit ist es anders: unvermeidlich werden wir schwach.

Die entscheidende Frage ist also nicht, ob wir schwach sein dürfen; die entscheidende Frage ist, wie wir damit umgehen: schwach zu sein, angewiesen auf andere, abhängig, vergänglich. Aus dem Umgang mit dem Schwachen, dem Bedürftigen, dem Unvollkommenen, dem Zerbrochenen wächst Leben. Das ist die zentrale Botschaft des christlichen Glaubens. Gott hat eine Schwäche für das Unvollkommene. Er liebt uns unvollkommene, schwache Menschen. Er hat sich schwach gemacht für uns, weil er eine Schwäche für uns hat. Er hat alle Stärke, alle Macht, seine Allmacht abgelegt, damit er spüren kann, wie ohnmächtig wir oft sind. Jesus hat diesen allmächtig-ohnmächtigen Gott auf einzigartige Weise verkörpert.

Gott ist auf der Seite der Schwachen, der Bedrängten, der Zerbrochenen. Aber aus der Schwäche heraus gibt er die Kraft, die wieder leben lässt. Die verwandelnde und überwindende Kraft der Liebe, die in den Schwachen mächtig ist. Die Liebe Gottes zu uns, die Leidenschaft Jesu für uns bedürftige Menschen ist die Kraft, die in den Schwachen wirkt; die in uns wirkt, wenn wir schwach sind. In einem Liedvers heißt es:

„Meine ganze Ohnmacht, was mich beugt und lähmt, bringe ich vor dich,
wandle sie in Stärke, Herr erbarme dich!“
„Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“

So lautet der vollständige Vers der Jahreslosung im 2.Korintherbrief.

Ich wünsche uns allen, dass wir uns der Gnade Gottes anvertrauen können. Sie trägt uns durchs Leben, immer und gerade dann, wenn wir schwach sind. So können wir zuversichtlich durch das Neue Jahr gehen. Gottes gutes Geleit wünscht

Ihr Bodo Kahle, Pastor